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Das System der internen Familie (IFS)

Aktualisiert: 22. Juni 2023

Das System der internen Familie (IFS) ist eine wundervolle Technik zur Auflösung innerer Konflikte


Ich persönlich bevorzuge in der Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen die Arbeit mit inneren Anteilen. Das IFS-Modell (Internal Family System) geht davon aus, dass jeder Mensch über Persönlichkeitsanteile verfügt und dass diese Anteile einer Person ähnlich miteinander interagieren, wie Familienmitglieder dies miteinander tun. Die Arbeit mit Anteilen kommt in vielen verschiedenen Therapiemethoden zum Einsatz. So z.B. auch in der Arbeit mit dem leeren Stuhl aus der Gestalttherapie, in der Aufstellungsarbeit, oder in der EgoState Therapie. Ich möchte mich in diesem Artikel auf die IFS-Therapie fokussieren.


Als unser internes Familiensystem (IFS) werden unsere internen Anteile genannt, welche unser Nervensystem in Balance halten. Die meisten Menschen denken, wenn wir von Persönlichkeitsanteilen sprechen an die gespaltene Persönlichkeit. Die dissoziative Persönlichkeitsspaltung (DIS) ist eine massive Form der Spaltung unseres Selbst. Das heißt, dass Selbst hat keinerlei bewussten Kontakt zu seinen Anteilen und erinnert sich auch nicht daran, wenn ein anderer Teil der Persönlichkeit die Führung übernimmt. Die wenigsten Menschen leiden unter einer DIS.

Allerdings lebt die Menschheit zu 95% aus dem Unbewussten. D.h. unsere inneren Anteile, welche aus neuronalen Netzwerken bestehen, agieren und kontrollieren unbewusst unser Leben. Allerdings sind wir in der Lage uns bewusst unseren Anteilen zuzuwenden.


Diskussionen innerer Anteile (IFS)
IFS Diskussion


Schon Freud war sich bewusst, dass die Psyche des Menschen aus mehreren Anteilen besteht. Er nannte sie das ICH, das ES und das Über-ICH. Richard C. Schwartz, Gründer der IFS-Therapie, teilt die Anteile des Internen Familien Systems (IFS) in 4 Gruppen ein und bezeichnet die Anteile als Selbst, Manger, Feuerbekämpfer und Verbannte.


Der Fokus der einzelnen Anteile:


Manager

Die Manager haben die Aufgabe des Systems zu beschützen. Sie versuchen Menschen und Situationen zu kontrollieren, mit dem Ziel von niemandem mehr verletzt und oder zurückgewiesen zu werden. Wenn wir unseren Anteilen Namen geben, könnten die von Managern wie folgt lauten: Kontrolleur, Streber, Verwalter, Richter, Pessimist, Planer, Selbstkritiker, Antreiber, ...


Feuerbekämpfer

Die Feuerbekämpfer haben ebenfalls die Aufgabe das System zu schützen. Diese kommen allerdings erst zum Einsatz, wenn wir bereits getriggert wurden, d.h. wenn einer unserer Wunden berührt wurden. Sie lenken uns ab oder beruhigen uns. Jegliche Aktivität kann dafür genutzt werden. Hier ein paar typische Beispiele:

Ablenkung im Allgemeinen, Sucht (Alkohol, Drogen, TV schauen, Computer, Videos games, einkaufen, arbeiten, sex, Diäten, Sport, Essen), Selbstverletzung, Gewalt, Dissoziation, Zwangsverhalten, Fantasiewelten, Kampf, …

Die Verbannten

Unsere Verbannten halten die unterdrückten, unbewussten Gefühle. Sie halten die Schmerzen, die Wut, die Scham, die Angst und die Verzweiflung der in der Vergangenheit entstandenen Wunden. Sie werden mit der Zeit immer drängender und extremer, in der Hoffnung endlich gesehen und gehört zu werden.

Anzeichen für Anwesenheit verbannter Anteile: Abhängigkeit, Scham, Wertlosigkeit, Angst, Panik, Trauer, Verlustangst, Verlassenheitsangst, Einsamkeit, Bedürftigkeit, Schmerz, …

Das Selbst

Das Selbst ist der Kern oder das Zentrum einer Person. Er ist mitfühlender Führer. Stabil, ruhig und in seiner Kraft. Anzeichen für die Anwesenheit des Selbst sind: innerlich ruhig, neugierig, mitfühlend. In Verbindung mit sich und seinem Umfeld, selbstbewusst, kreativ, mutig, klar.


Interne Anteile der inneren Familie: Das Selbst, Feuerbekämpfer, Verbannte, Manager
Anteile der internen Familie (IFS)

Unsere innere Familie gerät oftmals in Konflikt miteinander. Sowohl Manager als auch Feuerbekämpfer haben die Aufgabe unser inneres System zu schützen. D.h. dafür zu sorgen, dass die Verbannten (die Wunden aus der Vergangenheit) nicht berührt werden. Auch wenn es nicht immer danach aussieht. Unserer Manageranteile versuchen durch Struktur und Organisation unser Leben zu planen und zu organisieren. Sie sorgen so gut wie möglich dafür, dass unsere Verbannten nicht getriggert werden. Diese Anteile planen unsere Zukunft so exakt wie möglich. Falls bei der Umsetzung was schief geht und dadurch unsere Verbannten getriggert werden, greifen die Feuerbekämpfer ein. Sie lenken uns ab oder betäuben uns, so dass die Verbannten nicht an die Oberfläche kommen können.

Viele von uns leben hauptsächlich in ihren Beschützeranteilen. Die Führung des Selbst kommt nur in seltenen Fällen zum Einsatz. Auffällig wird dies, wenn wir uns gezielt Zeit nehmen unseren Gedanken wirklich zuzuhören. Die Dialoge, welche wir jeden Tag unbewusst führen, sind sehr aufschlussreich. Die IFS-Therapie hat das Ziel das Selbst des Klienten häufiger in die Führung zu bringen, ohne die beschützenden Anteile zu verurteilen. Um das zu erreichen, müssen wir die Arbeit unserer Beschützeranteile anerkennen und wertschätzen und unsere Verbannten entlasten / befreien. Wenn unser Selbst mit unseren verbannten Anteilen in Kontakt kommt und sich ihnen zuwendet, ihre Bedürfnisse wahrnimmt und ernst nimmt, entspannen sich auch die Beschützeranteile und der Klient kann ein zentriertes, entspanntes Selbst leben.


Um das Ganze ein wenig zu verdeutlichen ein Bespiel:

Lisa, will ihren Job kündigen und sich mit ihrer Leidenschaft Yoga zu unterrichten selbstständig machen. Folgender innerer Dialog könnte entstehen:


Manager1 (die innere Kritikerin): Spinnst du, Yoga, das ist doch brotlose Kunst. Wie willst du denn damit deine Miete zahlen?

Manager2 (die Schöpferin): Aber Yoga macht mir so viel Freude. Danach bin ich immer so entspannt.

Verbannte1 (die Erschöpfte): Ich mag meinen Job nicht. Er laugt mich aus, macht mich müde. Ich kann nicht mehr.

Feuerbekämpfer1 (die Rebellin): Ihr könnt mich mal. Jetzt schaue ich erstmal meine Lieblingsserie.

Manager1 (die innere Kritikerin): Siehst du, du schaffst es ja noch nicht einmal dich 5 Minuten damit zu beschäftigen. Und du willst dich damit selbstständig machen, dein Ernst? Lass es lieber. Du hast einen gut bezahlten Job.

Feuerbekämpfer (die Rebellin): Lisa geht erstmal zum Schrank und holt sich ein wenig Schokolade.

Verbannte1 (die Erschöpfte): Ich hatte vorhin schon so einen komischen Druck auf dem Magen, jetzt wird mir schlecht. Mir ist das alles zu viel. Ständig motzt jemand. Alle hacken auf mir rum. Ich bin müde. Ich schaff das nicht.

……


Der Kampf zwischen den beiden Manageranteilen (egal was Lisa macht es ist das Falsche) ruft die Feuerbekämpfer, die dafür sorgen, dass Lisa sich von dem dumpfen Gefühl im Magen und dem Gefühl „eh nicht genug zu sein, es eh nicht zu schaffen“, abzulenken. Sie fühlt sich gestresst und müde. Dieser Dialog kann über Tage, Monate und auch Jahrzehnte weitergeführt werden. Womöglich ist Lisa immer noch in ihrem alten Job. Nahe an einer Depression oder einem Burnout aber immer noch nicht in der Lage vorwärtszugehen.


Der gesunde Selbstanteil möchte sich verwirklichen. Schon als junges Mädchen hat Lisa davon geträumt Yoga zu unterrichten. Es macht ihr Freude, gibt ihr Energie und sie ist während des Yogas voll bei sich und in ihrem Element.


Der Manageranteil (Beschützeranteil) möchte Lisa davor beschützen eine falsche Entscheidung zu treffen und womöglich von ihrem Umfeld ausgelacht und verspottet zu werden. Diese Erfahrung hat sie schon mit 11 Jahren gemacht, als sie beim Schulprojekt als Designerin punkten wollte. Alle sowohl die Lehrer, ihre Eltern wie auch ihre Schulkameraden haben sich über ihr Model lustig gemacht und gemeint, wenn sie das Weiterverfolgen würde, würde sie sicherlich verhungern. Lisa wurde zutiefst beschämt und verletzt. (Wichtig ist zu verstehen, dass die beschützenden Anteile glaube Lisa sei immer noch 11 Jahre alt.)


Die Feuerbekämpfer sorgen mit dem Konsum von TV und Schokolade für spontane Ablenkung und Entspannung. Und wenn das nicht hilft, greift Lisa vielleicht zu einer Tablette gegen Magenprobleme.

So wird die Scham und die tiefe Traurigkeit über die damalige Verletzung, die die 11 Jährige Lisa tief in sich vergraben hat, weiterhin unterdrückt.


In der IFS Methode wird als erstes versucht die beschützenden Anteile von Lisa zu beruhigen. Wir fragen sie nach ihrer Aufgabe und wertschätzen ihre Arbeit. Danach fragen wir, ob „das Selbst“ mit Lisas verbanntem Anteil der Scham und Traurigkeit in Verbindung treten darf. Wenn der Verbannte Anteil dies zulässt, können wir in einem inneren Dialog die 11-jährige Lisa sprechen lassen. Wir geben ihr im Nachhinein die notwendige Zuwendung, welche sie damals benötigt hätte. Wir trösten Sie, sprechen ihr Mut zu etc. Zudem lassen wir auch die Beschützer zu Wort kommen. Was ist ihre Aufgabe, vor was beschützen sie Lisa? In den meisten Fällen mögen unsere Beschützeranteile ihren Job gar nicht und sind froh darüber eine neue Aufgabe zu bekommen. In manchen Fällen liegt die Verletzung allerdings so tief, dass wir innere Anteile haben, welche sich massiv gegen uns richten. Dann benötigen wir mehr Zeit, um den inneren Konflikt aufzulösen.


Mögliches Vorgehen:

Wir fragen Lisas Beschützeranteile nach ihren Aufgaben: Diese könnten Aussagen machen wie: „Lisa sollte in ihrem alten Job bleiben. Ich möchte nicht, dass sie wieder so tief verletzt und beschämt wird. Das hält sie nicht nochmal aus. Ich lasse das nicht zu. Ich beschütze sie davor mit allem, was nötig ist.“


Wir dürfen diesem Anteil unsere Wertschätzung aussprechen, auch wenn er uns in der jetzigen Situation massive blockiert. Aber dieser Anteil will verstanden, respektiert und anerkannt werden.


Nachdem wir die Beschützer beruhigt haben, fragen wir, ob wir mit Lisas Verbannten direkt in Verbindung treten dürfen. Am besten macht das Lisa selbst, wenn sie es nicht kann, dann erfolgt die Intervention von außen. Wenn uns Lisas Beschützer die Erlaubnis gegeben haben mit ihr in Kontakt zu treten, dann fragen wir Lisa, was für sie möglich wäre. Wie die nächsten Schritte aussehen könnten.

Ihr Selbst könnte ihr z.B. den Vorschlag machen, 2 x in der Woche neben ihrem Beruf Yoga zu unterrichten, um zu prüfen, ob ihr das Unterrichten wirklich so viel Spass macht.


Wir fragen Lisa, ob sie mal ein Erlebnis hatte, welche sie erfolgreich beendet hat. Sie erzählt von ihrer Weiterbildung, welche sie sehr erfolgreich beendet hat. Wir bitten sie sich mit ihrer inneren Stärke, welche sie damals gefühlt hat, zu verbinden. Wir machen ihr bewusst, dass auch dies ein Anteil von ihr ist (Ressource).


In einem zweiten Schritt könnte sie ggf. die Hauptarbeit reduzieren und einzelne Workshops anbieten und wenn Sie merkt, dass sie finanziell sicher ist, den Job dann aufgeben. Aber eins nach dem anderen. Sicherlich kommt in diesem Prozess die 11.-Jährige, verängstige Lisa zum Vorschein. Der nach weinen zumute ist und die Angst hat, den Schmerz, welchen Sie erfahren hat, zu fühlen. Wenn das Selbst in diesem Moment in den Vordergrund treten darf, Lisas Schmerz voll wahrnehmen und sie trösten darf, kann sich Lisa entspannen. Endlich werden die damalige Demütigung und der daraus resultierende Schmerz und die Scham gesehen und anerkannt.

Manchmal mischen sich Manageranteile in diesen Dialog ein (Aber, wenn…) und es ist wichtig ihnen zuzuhören und einen gemeinsamen Kompromiss zu finden. Falls der Kompromiss zustande kommt, bekommen die Manageranteile neue Rollen zugesprochen. Wir können sie nicht entlassen, sie gehören zu unserer Familie. Wir könnten ihnen z.B. vorschlagen, dass sie die Energie, die sie in die Abwehr des geplanten Projektes investiert haben, dafür nutzen können, Lisa zu unterstützen. Ein Manager könnte die zeitliche Organisation übernehmen und der andere dafür sorgen, dass Lisa ihre Grenzen achtet und sich auch Zeit zum Ausruhen nimmt. Meist sind die Manageranteile über ihre Rollen sehr erfreut. Sie mögen ihre Rollen, in welchen sie feststecken, oft selbst nicht.

Manchmal sind unsere Verbannten so schwer verletzt und die Manager- und Feuerbekämpfer so polarisiert, dass das Selbst nicht an die Verbannten kommt. Dann brauche wir Geduld und müssen weitere Manageranteile, welche das System unbewusst blockieren aufspüren und den Prozess wiederholen. So lange, bis wir den Verbannten befreien dürfen. Dieser Prozess kann je nach Schwere der Verletzung und Polarisierung eine Sitzung oder eine Serie von Sitzungen benötigen.


Viele Menschen, welche sich der Aufarbeitung ihrer alten Verletzungen zuwenden, sagen im ersten Moment. Ok, das war schlimm aber ein Trauma ist das doch nicht. Zum einen muss nicht jede Verletzung ein Trauma sein und zweitens, müssen wir uns bewusst machen, dass wir als „Kinder“ verletzt wurden. Je nach Alter der Verletzung befinden wir uns in einer anderen Entwicklungsstufe. Viele Dinge welche uns als Kinder begegnen erleben wir zum ersten Mal und wir sind in vollkommener Abhängigkeit von unserem Umfeld. Werden wir in unserer kindlichen, naiven Offenheit mit welcher wir als Kinder gesegnet sind, massiv beschämt und zurückgewiesen, und geht diese Beschämung von nahestehenden Personen aus, hinterlässt dies in uns eine tiefe Verunsicherung über unseren eigenen Wert.


Für viele Menschen klingt die Arbeit mit den inneren Anteilen zu Beginn sehr abstrakt und das ist es auch. Doch unser Gehirn kann zwischen Imagination und Realität nicht unterscheiden. D.h., ob wir ein Eis imaginär essen und es uns mit allen Sinnen vorstellen oder ob wir es real Essen, spielt für unsere Gefühle/Empfindungen, welche dabei freigesetzt werden, keine Rolle. (Nur bei dem Gedanken an ein Eis, läuft einem das Wasser im Munde zusammen). Und diese stoßen der Prozess für unsere Botenstoffe und Hormone an.


Wenn wir ein Bewusstsein für unsere innere Familie bekommen und lernen mit ihm zu interagieren, können wir zukünftig viele Situationen selbst klären und unser Nervensystem zurück in die Balance bringen. Der bewusste innere Dialog mit den inneren Teilen setzt bei vielen Menschen Bilder, Empfindungen und neue, überraschende Ansichten frei. Durch die bewusste Verbindung mit dem Selbst können Persönlichkeitsanteile entlastet und beruhigt werden – eine tiefe innere Heilung kann entstehen. Wir sind in der Lage unser Leben bewusster und selbstbestimmter zu leben.


Ich hoffe ich konnte durch das kleine Bespiel die Funktion unserer inneren Anteile und die Arbeit mit diesen etwas klarer darstellen. Um mit der inneren Familie in Kontakt zu kommen, schlage ich zu Beginn externe, professionelle Hilfe vor. Speziell in Momenten, in welchen wir stark blockiert sind, hilft es jemanden an der Seite zu haben, der uns durch den Prozess leitet. Wenn wir ein wenig Übung haben, können wir dann im Nachhinein vielleicht unserer eigenen Familienkonferenzen abhalten.


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